Wochenendhaus im Ruppiner Seenland
Hausbesuch

Wochenendhaus – mehr Hütte oder Palast?

Ist das Wochenendhaus mehr Hütte als Palast oder ist es nicht genau andersrum? Denn was macht ein Palast zu einem Palast und eine Hütte zu einer Hütte? Das Berliner Architekturduo, Nanni Grau und Frank Schönert, loten diese Frage bei ihren Bauaufgaben immer wieder aufs Neue aus und haben folglich ihr Büro auch Hütten & Paläste genannt. Die beiden gelten als Spezialisten für kleine Häuser, Wochenendhäuser, Datschen und Landhäuser.

Das Wochenendhaus als Refugium

Ja, dies ist ein Wochenendhaus. Form und Fassade spielen mit dem dörflichen Charakter.
Ja, dies ist ein Wochenendhaus. Form und Fassade spielen mit dem dörflichen Charakter.

 

Wahrscheinlich träumt ein jeder doch von so einem kleinen Häuschen auf dem Land, in den Bergen, am See oder Meer. Leisten werden es sich doch die wenigsten können. Träumen darf, muss und sollte man aber jederzeit. Ob Palast oder Hütte liegt ja oftmals an einem selber, an den eigenen Ansprüchen. Wenn man mit Palast viel Raum, Weite und Großzügigkeit, sowie großartige Ausblicke in die Landschaft verbindet, dann sind wir bei diesem Haus nah dran. Wenn sie Palast mit Schnörkel, Verzierung und Gold verbinden, sind wir ziemlich weit weg.

 

Grundriss und Schnitt zeigen sehr schön wo man sein Lieblingsplätzchen zum entspannen und lesen findet.
Grundriss und Schnitt zeigen sehr schön wo man sein Lieblingsplätzchen zum entspannen und lesen findet. Konstruktiv erkennt man das gedämmte Holzständerwerk – natürlich ökologisch!

 

Innen wie Aussen ein Chamäleon

Dieses Landhaus ist eben anders. Es liegt in der Ortschaft Wall im Ruppiner Seenland. Was es hier vor allem gibt ist Ruhe, Ruhe, Ruhe und Ruhe. Inmitten der nahezu unberührten Natur, umgeben von Feldern, Wiesen, Wald und Seen kann man hier die Seele baumeln lassen, den Alltagsstress entfliehen oder sich ganz bewusst hierhin zurückziehen, um ungestört im Landhaus-Office zu arbeiten.

 

Der Einraum mit kleinem Ableger im Obergeschoss bietet viel Platz und Blicke in alle Richtungen.
Der Flur wird breiter und wird so zu einem Spielplatz für die Kinder. Blickbeziehungen zum großen Wohnraum hat man auch aus dem Obergeschoss und ist so mitten im Geschehen – wenn man möchte. Wenn die Öffnung geschlossen ist bietet der Raum Ruhe und es lässt sich dort perfekt Arbeiten, Lesen und Enspannen.

 

Das Haus ist zur einzigen Dorfstrasse hin eine Art Chamäleon. Es ist von der Form und Materialität nicht unbedingt auf den ersten Blick als Wohnhaus zu identifizieren. Das ist natürlich gewollt und ein Spiel mit der örtlichen Struktur der Bau- und Dachformen. Das Dach ist eine Kombination aus Pult- und Satteldach und folgt der Anordnung der Innenräume. Viele Vorbeifahrende werden das Haus wahrscheinlich für einen Schuppen oder Stall halten. Denn das Haus gibt sich zur Strasse mit zwei Türen und zwei kleine Fenstern eher verschlossen. Auch die Verkleidung der Fassade mit einem rot gepulverten Trapezblech, lässt eher eine landwirtschaftliche Nutzung vermuten als ein Wochenendhaus.

Holz, Sonne und Licht bestimmen den Innenraum und verwandeln das Haus in einen schicken und sehr wohnlichen 'Schuppen'.
Holz, Sonne und Licht bestimmen den Innenraum und verwandeln das Haus in einen schicken und sehr wohnlichen ‚Schuppen‘.

 

Sobald man aber das Haus über drei Stufen betreten hat, merkt man sofort, dass dieser Schuppen ziemlich schick ist. So lang der Baukörper ist, so schmal ist er auch. Die Architekten schaffen es, durch die klug gewählte Dachform und dem zentral platzierten Versorgungskern, gar nicht erst ein schlauchartiges Gefühl aufkommen zu lassen. Der Innenraum wirkt großzügig, offen und transparent. Trotzdem findet man sein ruhiges Plätzchen um sich zurückziehen. Das kann eines der beiden Schlafzimmer im Erdgeschoss sein, in das man zum lesen oder schlummern geht, je nachdem wie ungestört man sein möchte. So kann es ausreichen, einfach ‚um die Ecke‘ zu gehen oder wenn es ganz ruhig sein soll, zieht man die Schiebetür zu und ist ungestört. Der große Raum im Obergeschoss eignet sich perfekt zum ungestörten Lesen, Arbeiten oder einfach nur zum entspannten Chillen und Spielen.

Die Gartenseite zeigt sich mehr als Haus. Öffnet sich zum großen, wilden Garten. Ganz sicher vergisst man hier schnell den Alltag.
Die Gartenseite ist mit sägerauhen Brettern verkleidet und überhaupt nicht mehr verschlossen. Die großen Fenster bieten einen großartigen Ausblick in den wilden Garten und in die scheinbar endlose Landschaft.

 

Wohnküche und Gartentraum

Die Wohnküche ist das Herzstück dieses kleinen Wochenendhaus. Man kann am Esstisch sitzen und Zeitung lesen, seinem Mann beim Kochen oder den Kindern beim Spielen im Garten zusehen; sitzt mit Freunden bei einem Glas Wein und bei kälteren Temperaturen heizt man mit dem Ofen ordentlich ein. Die Rückseite des Hauses präsentiert sich komplett anders als die Strassenseite. Die Fassade ist mit einer sägerauhen Lärchenverschalung verkleidet und mit vier großen, bodentiefen Fenstern alles andere als verschlossen. Der Clou ist ein Terrassendeck auf der gesamten Länge des Hauses. Dieses scheint über dem wilden Garten zu schweben. Öffnet man die große Fensterfront der Küche, hat man das Gefühl direkt im Grünen zu sitzen.

Die Wohnküche ist Dreh- und Angelpunkt. Mit dem Terrassendeck im Sommer ein absoluter Gartentraumraum.
Die Wohnküche ist Dreh- und Angelpunkt. Mit dem Terrassendeck im Sommer ein absoluter Gartentraumraum. Der Versorgungskern dient als Treppe und nimmt Bad und WC auf.

 

Für mich definitiv mehr Palast als Hütte und ein guter Ort um die Großstadt für ein paar Tage zu vergessen.

Architektur: Nanni Grau & Frank Schönert – Hütten & Paläste
Fotograf: Oliver Schmidt

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