Unterleuten von Juli Zeh
Fundstücke

Von Türklinken und dem Wohnen

Die Autorin Juli Zeh beobachtet die Gesellschaft und hält uns auch in ihrem neuen Roman „Unterleuten“ einen Spiegel vor. Detailgenau beschreibt sie ihre Beobachtungen und vermittelt den Lesern damit sehr genau die jeweilige Szene, die Atmosphäre der Räume und Landschaften. So taucht man als Leser komplett in die Welten von Juli Zeh ein, hat aber genügend Spielraum, um sich selbst seine Welt vorzustellen.

Unterleuten ein Dorf wie jedes andere?

Der neue Roman von Juli Zeh („Unterleuten“) spielt in einem Dorf irgendwo in Brandenburg. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt waren. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist…

Wir als Experten für die Türklinke lesen eine solche Beschreibung natürlich extrem gerne. Doch lesen Sie diese wundervolle Textpassage einfach selbst:

„Auf dem Weg in die Küche nahm er sich ein paar Sekunden, um das Federn der Dielen unter seinen Füßen zu genießen. Das alte Kiefernholz gab ein sattes Knarzen von sich, als hätte es hundert Jahre lang die Geräusche sämtlicher Schritte in sich bewahrt. Die Erinnerung an seinen ersten Besuch in diesem Haus stand Gerhard deutlich vor Augen. Er hatte den Flur betreten, Jule und den Makler hinter sich, und wollte gerade die Tür zum Wohnzimmer öffnen, als er plötzlich stehen blieb.

»Was ist«, hatte der Makler gefragt, »geht die Tür nicht auf?« Gerhard hatte die Türklinke angestarrt, ein schönes Stück aus Messing, geschwungen und mit einer schneckenförmigen Verzierung am Ende. Die Klinke musste weit über hundert Jahre alt sein, und diese Erkenntnis lähmte ihn wie ein Schock. Als die Klinke an der Tür befestigt wurde, hatten die Leute, die das bezahlten, noch nichts von zwei bevorstehenden Weltkriegen gewusst. Sie hatten sich gefreut, ein frisch gebautes Haus mit allem Komfort zu beziehen. Der Türklinke hatten sie vermutlich keine besondere Beachtung geschenkt. Niemand hatte darüber nachgedacht, dass die Klinke ihre Besitzer spielend überleben würde. Für sämtliche Bewohner des Hauses war der Augenblick gekommen, in dem sie diese Klinke zum allerletzten Mal berührten. Plötzlich wollte Gerhard, dass es ihm genauso erginge. Auch er wollte eine Phase im Leben der Klinke sein, die sich nach seinem Tod immer noch an ihrem Platz befinden würde. Er wusste jetzt, dass er dieses Haus erwerben musste.

Einen Neubau, in dem alles jünger war als er selbst, hätte er nicht ertragen. Er wollte kein Haus, in dem jede Scheuerleiste seinem persönlichen Gestaltungswillen folgte. Wo die Gegenstände seine Herrschaft anerkennen mussten, weil er für ihre Existenz verantwortlich war. Er wollte der Welt nichts Neues hinzufügen, sondern das Vorgefundene erhalten. Denn darin bestand die heilige Aufgabe dieser hektischen Epoche: das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen. Als der Makler an ihm vorbeigriff, um die Wohnzimmertür zu öffnen, war Gerhards Entscheidung bereits gefallen.“

Juli Zeh Unterleuten
Unterleuten ist mehr als nur der Ortsname des Schauplatzes in dem dieser Gesellschaftroman spielt. Lesen lohnt sich …

Das Wesen einer Türklinke kann man wohl kaum besser beschreiben. Das Plädoyer für alte Gebäude liest sich und fühlt sich ebenso großartig an. Wenn aber wir als Bauherr mit dieser Einstellung und Bewusstsein für die Gestaltung uns an die Planung der eigenen ‚vier Wände‘ macht, besteht die große Chance, dass viele Jahre später Gerhard aus dem Roman auch in unser Haus einziehen würde.

 

Foto von Juli Zeh: Thomas Müller, 2016

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