Grand Palais Paris Leviathan Anish Kapoor
Fundstücke

Raumgefühl entwickeln

Das Grand Palais in Paris wurde für die Weltausstellung 1900 errichtet. Wenn man zuerst auf dem Eiffelturm gewesen ist, sieht man zwischen Seine und Champs Élysées eine faszinierende, riesengroße Glaskuppel. Nähert man sich dem Gebäude der Belle Époque zu Fuß, könnte man es glatt für einen Bahnhof halten. Die steinerne Fassade zitiert den klassizistischen Barock und wird von einer Stahlkonstruktion überspannt. Hier verschmelzen schwere Steinarchitektur mit filigraner Ingenieurbaukunst und schaffen so einen beeindruckenden, leichten, lichtdurchfluteten Innenraum für Kunstausstellungen. Das Raumgefühl im 44 m hohen, kreuzförmigen Hauptausstellungsraum ist gigantisch

Das Grand Palais in Paris beeindruckt mit Monumenta

Grand Palais Paris Leviathan Anish Kapoor
Screenshot von Leviathan – man erkennt die ungeheure vielschichtigkeit und die neuen Räume die diese Skulpur von Anish Kapoor im Grand Palais schafft. Der Besuch war extrem beeindruckend.

 

Seit 2007 wird dieser 13.500 qm große Innenraum im Rahmen der Installationsreihe „Monumenta“ auf Einladung des Grand Palais von einem Künstler inszeniert. Der Künstler bekommt eine Carte Blanche und hat die komplette künstlerische Freiheit, den Raum ganz nach seinen Ideen zu bespielen. Bei den meisten Künstlern übernimmt natürlich der große und lichtüberflutete Raum eine wichtige Rolle.

2011 bin ich nach einem Fernsehbericht bei ‚ttt – titel, thesen, tempramente‘ mit einem Freund ziemlich spontan nach Paris gefahren. Wir beide waren so beeindruckt von der Art und Weise, wie der indisch-britische Bildhauer Anish Kapoor den Raum mit seiner Skulptur Leviathan ausfüllte, dass wir uns diese unbedingt vor Ort ansehen wollten.

Es gibt Künstler, die mit feinen, kleinen Interventionen den Betrachter anstoßen, zum Nachdenken anregen, und es gibt Künstler, die mit großformatigen, monumentalen Werken Aufmerksamkeit erzielen. Zu letzteren gehört Anish Kapoor. Viele seiner Kunstwerke wie Cloud Gate in Chicago oder Arcelor Mittal Orbit in London stehen im öffentlichen Raum und können von jedem betrachtet werden. Die Wahrnehmung des Ortes verändert sich, und Kapoor schafft neue Räume, zwingt die Betrachter, sich neu mit dem Ort zu beschäftigen und andere Blickwinkel einzunehmen.

Anish Kapoor vermittelt Raumgefühl

Grand Palais Paris Leviathan Anish Kapoor
Im Bauch des Leviathan. Ein bisschen fühlt man sich wie in einer Blutbahn.

 

Leviathan im Grand Palais war ein aufgeblasenes Monster, was den Besucher zuerst verschlang, sodass man diesen Raum, den man betrat, nicht so richtig in seiner Form und Dimension erfassen konnte. Man hatte das Gefühl, sich in einer Blutader zu befinden, dies war aber in keinster Weise befremdlich oder angsteinflößend. Wenn die Sonne auf die auberginefarbene PVC-Hülle schien, leuchtete diese wunderschön hellrot und bildete das filigrane Dachtragwerk des Grand Palais ab. Es war unheimlich faszinierend, sich in diesem mystischen Raum zu bewegen und nur erahnen zu können, welche Größe und Form das Objekt wirklich hat. Wenn man diesen Raum verlassen hatte und um das Objekt ging, bekam das von Innen gesehene eine Form, und man erfasste die unglaubliche Größe. Drei gleich große Ballons legten sich symmetrisch in die kreuzförmigen Räume. So entstanden neue Räume zwischen der Skulptur und dem Grand Palais. An einigen Stellen kam der Leviathan dem Tragwerk sehr nah, oder er beließ viel Raum zwischen sich und den Wänden. Die Ballons legten sich nicht über seine gesamte Fläche auf den rohen Betonboden, sondern wölbten sich über den Boden und ließen es so zu, dass man unter der Skulptur hindurchschreiten konnte. So lotet diese Installation den Raum aus, vermisst den Innenraum und schafft ganz neue Räume.

Grand Palais Paris Leviathan Anish Kapoor
Es entstehen neue Räume durch die Skulptur Leviathan. Innen und Außen – Unten und Oben – Rechts wie Links immer wenn man etwas neues platziert entstehen Zwisvhenräume.

 

Wir haben ziemlich lang, von 16 bis 23 Uhr im Grand Palais verbracht und uns diese Skulptur aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln angesehen. Zwei Dinge waren während dieser Zeit besonders schön. Zum einen die Menschen zu beobachten, wie sie sich mit dem Objekt auseinandersetzen. Sich nähern, sich entfernen, es berühren, um das Objekt herumschreiten, auf die Galerie gehen und aus einer anderen Perspektive sich die Skulptur ansehen. Besonders schön ist es, den Verlauf der Sonne und die Dämmerung zu verfolgen. Je nach Lichteinfall verändern sich die Räume, und so entsteht wieder eine ganz neue Situation. Das gilt natürlich für den Innenraum. Wenn die Sonne nicht mehr scheint, weil sich Wolken vor sie schieben oder die Sonne untergeht, leuchtet die Hülle nicht mehr, und der Raum verliert seine Transparenz – als Besucher hat man dann ein ganz anderes Gefühl.

Was hat das alles mit dem Blog „TürKlinke“ zu tun? Anish Kapoor hat es geschafft, dass sich der Besucher mit dem Raum, den Zwischenräumen, dem Licht, den Abmessungen beschäftigt, und das alles passiert ganz unterbewusst. Das Gefühl, das Gesehene könne man gewissermaßen auf seine eigene Wohnung übertragen. Als Bauherr kann man daraus lernen, wenn man ein Haus baut. Was passiert, wenn wir das Haus längs oder quer auf einem Grundstück platzieren? Wie verändert sich das Tageslicht über den Tag? Wie positionieren wir einen Esstisch im Raum, oder wie stellt man das Sofa? Das klingt erst mal sehr abstrakt, denn der Maßstab und die Form sind in Wohnungen und Häusern ja komplett anders. Lassen Sie sich einfach darauf ein und beobachten räumliche Installationen unter diesem Gesichtspunkt. Es gibt in fast jeder Stadt in Deutschland Skulpturen/Installationen im öffentlichen Raum, die sich mit genau dieser Thematik auseinandersetzen.

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