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Fundstücke

Von Presshäusern und Kellergassen

Vor allem im niederösterreichischen Weinviertel gibt es die sogenannten Presshäuser in den Kellergassen. Diese pittoresken, romantischen Gassen entstammen einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der die Winzer die Weingärten meist direkt hinter ihren Presshäusern hatten und die Trauben mit einer Holzpresse pressten.

Die Kellergassen schlängeln sich durch die Weinberge und liegen meist in einem Hohlweg. Als ich in Wien gearbeitet und gewohnt habe, sind wir mit dem Rennrad durch die verschiedenen Weinregionen geradelt und haben so die Landschaften erkundet. Auf diese Art und Weise kommt man mit den Winzern der Region ins Gespräch. Eine meiner liebsten Kellergassen ist die Öhlberg Kellergasse, unweit von Pillersdorf im Retzer Land gelegen.

Öhlbergkellergasse bei Pillersdorf
Die Öhlbergkellergasse bei Pillersdorf mit seinen gut erhaltenen Presshäusern ist einen Ausflug wert.

Die Presshäuser sind funktional gestaltete Zweckbauten

Was macht die Kellergassen aber nun so speziell, dass ich hier darüber schreibe. Ganz einfach – die unaufgeregte Architektur, die sich ganz und gar nach den Anforderungen und Gegebenheiten richtet, und das zu hundert Prozent. Als die Presshäuser errichtet wurden, gab es das Wort Nachhaltigkeit noch nicht, und man musste auch nicht speziell die Verwendung von heimischen Materialien hervorheben.

Die von den Winzern errichteten Weinkeller und vorgelagerten Presshäuser waren reine Zweckbauten. Sie dienten allein der Weinproduktion und der Weinlagerung. Die Presshäuser wurden zumeist ohne Lot und Wasserwaage von den Weinbauern und befreundeten Handwerkern selbst errichtet, einfach nach Augenmaß.

Die Presshäuser liegen unter dem Niveau des Weinbergs. Das Gebäude schiebt sich in den Hang. Zur Gasse hin gibt es oftmals nur eine zweiflügelige Tür und das Gaitloch. Die Presshäuser sind alle unterschiedlich groß, denn bestimmend für die Größe des Gebäudes waren ausschließlich die Abmessungen der Presse. Die Pressen – Baumpresse oder Spindelpresse – wurden wiederum nach der Größe der Rebfläche gebaut. Davon abhängig orientieren sich auch die Öffnungen in der Fassade – die Tür und das Gaitloch. Die Trauben wurden durch das Gaitloch mittels einer Holzrutsche in den Innenraum befördert. Entweder direkt in den Holzbottich, um die Trauben zu pressen, oder erstmal in ein steinernes Becken, wo sie gemaischt wurden. Die Höhe und Größe der Öffnung richtet sich nach Lage der Presse und des Maischebeckens. Im Giebel oder auch auf der Längsseite gab es kleine Fenster, die eher der Belüftung als der Belichtung dienten. Heute würde man sagen: „Das Haus wurde genau auf die Bedürfnisse der Nutzungen abgestimmt.“ Das war früher selbstverständlich.

Zwei Presshäuser in der Öhlbergkellergasse
Die Presshäuser sind parallel zur Straße ausgerichtet und schmiegen sich in den Weingarten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachhaltige Bauweise war selbstverständlich

Die Bauweise war ebenso selbstverständlich. Die Traufe verläuft parallel zur Gasse, das Gebäude schiebt sich in den Hang, vom Weingarten her sieht man häufig nur das Dach. Die Wände sind dort, wo Erdreich berührt wird, mit Natursteinen gemauert. Darüber wird dann mit Lehmziegeln weiter gearbeitet. Diese Ziegel wurden aus dem Aushub selbst gefertigt. Auch der Putz wurde oftmals selbst aus dem Lehm hergestellt und mit weißer Kalkfarbe geschlämmt. Die Türen und Öffnungen wurden aus Holz gefertigt und mit Kupfersulfat gebeizt, so entsteht im Laufe der Zeit das typische Grün der Holzteile.

Auch wenn alle Gebäude einer Kellergasse von ihrer Größe und Fassade unterschiedlich sind, ergibt sich eine sehr homogene und harmonische Ansicht. Für mich strahlen die Kellergassen Ruhe und Gelassenheit aus. Zwischendurch am Schreibtisch sitzend, erinnere ich mich gerne an diese spezielle Atmosphäre und hinterfrage und reflektiere die eigene Arbeit. Diese extrem selbstverständliche, einfache, unaufgeregte, konsequente Art zu bauen ist natürlich heute für ein Einfamilienhaus nicht 1:1 zu übertragen. Ganz sicher aber kann man von dieser Bauweise lernen, sich inspirieren lassen und auch das ein oder andere auf das eigene Haus anwenden.

 

Informationen zu Land, Leuten, Unterkünften, Winzern und Veranstaltungen gibt es beim Retzer Land  und wenn Sie eine Führung in der Öhlberg Kellergasse mitmachen möchten wenden Sie sich an Maria Buchmayer vom Weingut Buchmayer.

 

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