Eszimmer
Hausbesuch

Mit Farbe und Konzept gegen die Tristesse

Diese Berliner Wohnung räumt mit dem Klischee auf, ein Plattenbau sei automatisch monoton und frei von Farbe. Das Rezept: Mut und ein ausgeklügeltes (Farb-)Konzept.

Farbkonzept zieht sich durch die gesamte Wohnung.
Durch die komplette Wohnung zieht sich am Boden und Decke eine Grafik und verbindet so die einzelnen Räume. Tolle Idee und vor allem der Entwurf einer neuen ‚Sitzschale‘ für den Barcelona Chair von Mies van der Rohe passt perfekt zu diesem Style.

Wenn man den Architekten Ludwig Heimbach und Fingerle & Wöste mit einem Entwurf beauftragt, weiß man: Es wird farbig! Klar war der dreiköpfigen Familie auch, dass sie in ihrem Kiez Berlin-Mitte bleiben wollten. Dass sie jedoch jemals in einem Plattenbau einziehen würden, war eine Überraschung. Zusammen mit dem Architekten schauten sie sich einige Alt- und Neubauwohnungen an. So richtig passend war irgendwie keine. Mal war die Wohnung zu groß, der Grundriss nicht ideal, die Straße zu laut, oder die Renovierungskosten wären zu hoch gewesen. Eher beiläufig fragte der Planer: „Habt ihr auch mal an einen Plattenbau gedacht?“

Raum im Raum durch farbliche Flächen
Überlagert. Im Esszimmer war der Beton an der Decke noch schön und wurde Teil der Gestaltung. Die farblichen Flächen markieren Zonen und schaffen für den Tisch einen Raum in Raum. Das Zimmer wirklt viel größer und streckt sich durch die diagonalen Linien an Wand und decke.

WBS70
Dieses Kürzel steht für eine Wohnungsbauserie der DDR. Bis 1990 wurden fast 645.000 Wohneinheiten von diesem Typ gebaut. Die Grundrisse sind funktional, flexibel und geräumiger, als ihnen stets nachgesagt wird. Das Konstruktionsprinzip ist simpel: Alle sechs Meter steht eine tragende Wand. Diese nimmt die Lasten der vorgespannten Decke auf. Die anderen Innenwände kann man problemlos versetzen, abreißen oder die Durchgänge verbreitern, denn sie sind nicht lastabtragend.

Raum trifft Frabe und zeichnet Formen und Flächen.
Überlagert. Flächen, Formen und Frabe treffen aufeinander und erzählen eine Geschichte. Es istwie eine Choreographie die mit Farbe den Raum bespielt.

Miet-Unterschied
Gemeinsam sah man sich einige Wohnungen in Plattenbauten an. Der große Unterschied in der Miete war letztendlich ein gewichtiges Argument. Die Kaltmiete für eine Wohnung im Plattenbau liegt bei 5,50 Euro statt 9,25 Euro im Altbau. Nach reiflicher Überlegung und ersten Ideenskizzen des Architekten entschieden sich die Bauherren zu diesem unvorstellbaren Schritt und unterzeichneten den Mietvertrag.

Farbe wirkt

Räume verändern sich durch Farbe. Sie lassen sich optisch vergrößern oder auch verkleinern, es werden Zonen geschaffen und so schafft man ein ganz neues Raumgefühl. Es gibt zwei Arten, mit Farbe zu arbeiten: Entweder man malt die Architektur nach, oder die Farbe wird zu einer eigenen Schicht und spielt mit dem Raum. Architekt Heimbach ist überzeugt, dass die richtig gewählte Farbe Einfluss auf unser Wohlbefinden hat. Das Schlafzimmer der Eltern in Violett und das grüne Kinderzimmer wurden deshalb zu Farbkapseln. Violett im Schlafzimmer wirkt zum Beispiel schlaf- und traumfördernd. Hinter einem Vorhang verstecken sich ein Großteil der Regale, der Fernseher und auch das Fenster. So entsteht ein Raum, der Ruhe und Geborgenheit bündelt. Im Zimmer der Tochter ist alles Farngrün: Decke, Wand und Boden. Eine Tönung mit einem verstärkten Gelb-Anteil unterstützt die Kreativität und strahlt Harmonie aus.

Grüne Farbe im Kinderzimmer beruhit und fördert die Ausdauer. Mutig.
Mutig. Wände, Decke und Boden – alles grün! Farbe wirkt und grün sagt man beruhigende und ausdauerfördernde Wirkung nach. Optimal für ein Kinderzimmer.

Raumfluss
Durch Küche, Flur, Ess- und Wohnzimmer zieht sich eine diagonale Linie, die die Räume verbindet. Zuerst wurde die Grafik für den Boden entworfen. Die Decke antwortet auf den Boden und die Wände werden selbst zu einem großen Bild. Die gesamte Wohnung wurde in den Rohzustand versetzt. Der Beton war an einigen Stellen so reizvoll, dass er mit in die Deckengestaltung einbezogen wurde. Alles andere wurde gespachtelt, geschliffen und gestrichen.

Violett unter der Decke fördert gute Träume und entspannt.
Entspannt. Violett gilt als Farbe des Geistes und unterstützt seelisches Gleichgewicht. Perfekt für einen erholsamen und tiefen Schalf – gute Nacht!

Fazit
Das Überraschende: Das starke Farbkonzept machte die Umbauten, die die Mieter ursprünglich vorhatten, überflüssig. Auf diese Weise machte sich die Mehrausgabe für diese Planungsleistung allemal bezahlt. Wenn der Architekt es nicht selbst vorschlägt – fragen kann man ihn ja mal.

Schwarzer tafellack steht im Kontrast zum Melonengelb der Küchenfronten.
Kontrast. Melonengelb steht im Kontrast zum schwarzen Tafellack und gibt dem Raum Tiefe. Der Tresen ist enorm praktisch und lädt zum Kaffee und kurzen Gespräch ein. Das offene regal darüber nutzt den raum perfekt aus und die wichtigen Zutaten sind direkt griffbereit.

 

Daten und Fakten
Wohnfläche: 87 Quadratmeter
Bewohner: 3
Architekten: Ludwig Heimbach & Fingerle Wöste

Bildquellen

  • Wohnzimmer: Kay Fingerle
  • Esszimmer: Kay Fingerle
  • Deckenausschnitt im Wohnzimmer: Kay Fingerle
  • Kinderzimmer: Kay Fingerle
  • Decke im Schlafzimmer: Kay Fingerle
  • Küche: Kay Fingerle
  • Eszimmer: Kay Fingerle

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