Das Verderberhaus ist sicherlich das prächtigste Haus am Platz, denn es wurde im venizanischen Renaissancestil errichtet. Hier wurden aber nicht die verderblichen Waren der Stadt aufbewahrt, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern wie oftmals üblich, wurde das Haus nach seinen Besitzern benannt – in diesem Fall die Familie Verderber.
Fundstücke

Lieblingsplätze #03 – Hauptplatz Retz

Vor kurzem habe ich Sie schon in das Weinviertel zu Presshäusern und Kellergassen mitgenommen und nun geht es nach Retz auf den Hauptplatz. 2007 haben wir diesen bei unserer ersten Rennradtour in Österreich entdeckt. Ein ungewöhnlicher Platz mit ungewöhnlichen Events und wunderschönen Häusern.

Als wir mit den Rennern um die Ecke bogen waren wir erstmal geflasht. Der Platz ist für eine Kleinstadt mit 4.275 Einwohnern riesengroß – 60m breit und 200m lang. Was aber noch viel erstaunlicher ist, man fühlt sich nicht so als ob man grad im Niederösterreichischen Weinviertel ist, sondern eher wie auf einer Piazza in Italien. Die Bauten die den Platz umgeben sind größtenteils stattliche, prächtige Renaissancebauten. Drei Gebäude stechen aus diesem Ensemble besonders hervor.

Drei eindrucksvolle Gebäude bestimmen den Hauptplatz

Rathaus in Retz auf dem Hauptplatz der Weinstadt
Das Rathaus, welches eher wie ein Kirche aussieht und auch als solche geplant war, wurde 1568 zum Rathaus umfunktioniert. Es beherbergt noch heute eine gotische Kapelle und vom höchsten Turm der Stadt hat man einen großartigen Ausblick über das Retzer Land.
Sgraffitohaus in Retz auf dem Hauptplatz
Das Sgraffito-Haus erzählt in einer Art Comic Stil Geschichten aus dem alten Testament und der griechischen Mythologie. Die Sgraffiti Technik wurde vor allem in Italien und Böhmen verwendet. Auf einem Rohputz wurde ein mit Kohlestaub eingefärbter, grau bis fast schwarz nuancierter Putz aufgetragen. Darüber wurde eine dünne Schichte weißer Putz gelegt und noch im feuchten Zustand wurden die Konturen der Figuren ausgestochen. Ziemlich cool, dass dieser ‚Comicstil‘ schon im 16. Jahrhundert erfunden wurde.
Das Verderberhaus ist sicherlich das prächtigste Haus am Platz, denn es wurde im venizanischen Renaissancestil errichtet. Hier wurden aber nicht die verderblichen Waren der Stadt aufbewahrt, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern wie oftmals üblich, wurde das Haus nach seinen Besitzern benannt – in diesem Fall die Familie Verderber.
Das Verderberhaus ist sicherlich das prächtigste Haus am Platz, denn es wurde im venizanischen Renaissancestil errichtet. Hier wurden aber nicht die verderblichen Waren der Stadt aufbewahrt, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern wie oftmals üblich, wurde das Haus nach seinen Besitzern benannt – in diesem Fall die Familie Verderber.

Was aber macht einen Platz aus?

Das ist zu einem das Seiten- und Längenverhältnis, zum anderen die Höhe der umgebenden Bauten. Wenn das schon einmal passt, hat der Platz gute Chancen von den Menschen angenommen zu werden. Wenn der Platz zusätzlich Cafés und oder Sitzgelegenheiten bietet, so kann der Besucher dem Leben und Treiben auf und um den Platz zu sehen. Im Fall des Retzer Hauptplatz ist die Randbebauung im Verhältnis zur Größe des Platzes, eher sehr niedrig. Man könnte meinen als Mensch fühlt man sich auf so einer großen Fläche nun etwas verloren, in den meisten Fällen würde das zutreffen. Anders in Retz auf dem Hauptplatz. In Retz ist der Platz sehr stark geneigt, was für einen Platz eher untypisch ist. Dies verleiht dem Platz eine gewisse Dramatik und lässt ungeahnte Blickwinkel zu. Das Rathaus steht nicht in der Mitte, sondern positioniert sich im oberen Drittel und bietet so ausreichend Platz für zwei Brunnen, der für Österreich typischen Pestsäule und viel Freifläche. Es entstehen so verschiedene Zonen mit unterschiedlichen Aufentaltsqualitäten, in denen sich die Besucher aufhalten und sich sein Plätzchen zum verweilen suchen kann.

Blick vom rathausturm auf den Hauptplatz
Blick vom Rathausturm auf den Platz und in die umliegende Landschaft.

Sicherlich ziemlich untypisch, allerdings für die Belebung des Hauptplatz sehr wichtiges Detail ist die Tatsache das Autos um den Platz herum fahren können und nach freien Parkplätzen suchen. So treffen sich die Einheimischen ganz automatisch auf dem Weg zum einkaufen, zur Bank, geht in die Cafés oder die Vinothek um über das Wetter, den Wein oder sonstige Neuigkeiten zu plaudern.

Weinquartier Retz mit Pestsäule im Vordergrund
Im Weinquartier in Retz kann man die Weine der Winzer aus dem Retzer Land kosten und kaufen. Es ist aber auch ein guter Platz für Kaffee und Kuchen und um das Treiben auf dem Platz zu verfolgen.

Es ist also ständig etwas los auf dem Platz und es wird nicht langweilig. Unter dem Platz ist ebenso viel los – ein Weinkeller von 21km Länge schlängelt sich unter dem Platz und der umliegenden Bebauung durch das Erdreich. Als Besucher empfiehlt es sich deshalb an heißen Tagen eine Kellerführung zu machen. Nicht nur weil es schön kühl ist, sondern es gibt unter Tage viel zu entdecken und im Anschluß wartet eine kleine Weinverkostung.  Am ersten Wochenende im Dezember gibt es einen ganz besonderen Adventsmarkt ‚drüber & drunter‘. Ich bin nicht grad dafür bekannt ein Fan von Weihnachtsmärkten zu sein aber diesen mag ich wirklich. Drüber – also oben auf dem Hauptplatz gibt es Schmankerln und Spezialitäten der Region und drunter – unten im Weinkeller bieten Kunsthandwerker ihre Waren an. Im Juni ist der Platz Start und Ziel des Weinberglaufs. Von hier aus geht es quer durch die Weingärten und für die Sieger gibt es keinen Pokal, sondern sie werden in Wein aufgewogen. Für viele Einwohner, vor allem für die jugendlichen ist das Weinlesefest im September ein Highlight des Platzes, denn dann fließt kein Wasser aus dem Brunnen, sondern Wein.

Das zweite Wahrzeichen der Stadt ist die Windmühle auf dem Kalvarienberg. Der Blick weit über die Dächer, in die Landschaft und Weingärten ist besonders schön und wenn man Glück hat, kann man bei klarer Witterung die Rax und den Schneeberg sehen.
Das zweite Wahrzeichen der Stadt ist die Windmühle auf dem Kalvarienberg. Der Blick weit über die Dächer, in die Landschaft und Weingärten ist besonders schön und wenn man Glück hat, kann man bei klarer Witterung die Rax und den Schneeberg sehen.

Ich mag diesen Platz und fühle mich dort sehr wohl. Natürlich ist der Hauptplatz in Retz nicht ständig belebt und das Leben tobt dort nicht wie es auf einem Platz in der Großstadt der Fall wäre, doch gerade das macht für mich den Reiz aus. Jedes Jahr bin ich mindestens einmal in Retz zu Besuch und freue mich auf die kleinen Veränderungen die stattfinden. Auch nach neun Jahren entdeckt man neue kleine Details und 2017 werde ich es endlich mal zum Weinberglauf schaffen – versprochen!

 

Informationen zu Retz, dem Hauptplatz, der wunderschönen Region Retzer Land im Weinviertel, schönen Winzerhöfen zum Übernachten und einen veranstaltungskalendar gibt es auf der Seite Retzer Land. Viel Spaß beim Ausflug in das Weinviertel.

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