Francis Kere baut 2017 den Serpentine Gallery Pavillion im Kensington Gardens im Hyde Park
Fundstücke

Serpentine Pavillon lädt zum verweilen ein

Jedes Jahr entwirft ein bekannter Architekt den Serpentine Pavillon in London. Und jedes Jahr ärgere ich mich, dass ich immer zur falschen Zeit in die Stadt reise. Das wird sich ändern.

Von Eva Kahl, Redakteurin bei Das Haus im Ressort Bauen & Renovieren

Einmal im Jahr muss ich nach London. Seit meinem ersten Besuch in der Stadt Anfang der Neunziger Jahre, versuche ich, mich an das Versprechen zu halten, das ich mir selbst gegeben habe. Meist reicht die Zeit nur für ein langes Wochenende voller Theater und Shopping. Und meist komme ich nur in den Wintermonaten in die Stadt, wenn die Flüge oft günstiger sind und die Auswahl an Theaterstücken größer.

Es wächst ein Baum in der Stadt

Francis Kere baut 2017 den Serpentine Gallery Pavillon im Kensington Gardens im Hyde Park
Der Serpentine Gallery Pavillon 2017 wurde von Francis Kéré entworfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was mich deshalb seit 17 Jahren ärgert: Ich habe es noch nie geschafft, den Serpentine Pavillon zu besuchen. Seit dem Jahr 2000 wird mitten in den Kensington Gardens unmittelbar erlebbare Architektur aufgestellt – aber nur temporär und in den Sommermonaten: Anfang Juni bis Anfang Oktober. Jedes Jahr entwirft ein bekannter Architekt oder eine bekannte Architektin einen Pavillon für die Wiese vor der Serpentine Gallery. Man findet unter den Planern so illustre Namen wie Zaha Hadid, Asif Khan, Jean Nouvel oder Herzog & de Meuron mit Ai Weiwei.

 

Serpentine Pavillon in London

Kérés Pavillon zieht die Besucher an.
Schon in den ersten Tagen nach der Eröffnung bei den Besuchern sehr beliebt und sofort belebt. Genau das was Kére mit seinem Entwurf erreichen wollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jeder Entwurf ist komplett anders: theoretisch, skulptural, einladend, verwirrend – und immer spannend. In diesem Jahr stammt der Pavillon von Diébédo Francis Kéré, einem Architekt aus Burkina Faso. Studiert hat er in Berlin und betreibt dort auch sein Büro. Er hatte zusammen mit Christoph Schlingensief das Operndorf in Burkina Faso gebaut. Anfang des Jahres konnte man in der Pinakothek der Moderne in München einige seiner Entwürfe und Ideen sehen, in der Ausstellung Radically Simple. Der Name sagt es: Die Ideen sind (scheinbar) einfach, haben dadurch jedoch eine unglaublich große Wirkung auf den Betrachter. Auch auf mich. Und weil manchmal der Zufall dabei hilft, Wünsche zu erfüllen, fiel mein diesjähriger London-Besuch auf Ende Juni. Noch dazu auf das Wochenende, an dem der Pavillon eröffnet wurde. Also nichts wie hin!

 

Farben und Form bestimmen den Entwurf von Kéré.
Die Wände und das Dach bestehen aus Holz. Kéré spielt mit Formen und Farben.

 

Für den temporären Bau in London wollte Kéré einen Versammlungsort schaffen, inspiriert von den Dorfplätzen seiner Heimat. Auf diesen Plätzen ist meist ein großer Baum zu finden und hier treffen sich die Bewohner um Schatten zu suchen und Neuigkeiten auszutauschen. Dieser Baum ist die Grundidee des diesjährigen Pavillons: Über blauen Holzwänden, die aus dreieckigen Paneelen bestehen, schwebt das luftige Holzdach aus kunstvoll arrangierten Latten. Anstatt des Baumstammes trägt eine filigrane Stahlkonstruktion das Holzdach, das sich wie ein asymmetrischer, geöffneter Fächer über den Besuchern ausbreitet. Durch die Plexiglas-Haut über dem Holzdach entsteht ein Trichter, er lässt den Londoner Regen wie einen Wasserfall in der Mitte des Baus ablaufen.

Kommunikativer Treffpunkt für die Besucher

Der Serpentine Pavillon bringt Menschen automatisch miteinander ins Gespräch.
Automatisch kommen die Besucher des Serpentine Pavillon miteinander ins Gespräch.

 

Schon der erste Blick macht deutlich: überall Besucher, die das Material begutachten, sich einen Kaffee holen – der Architekt hat die Kaffeebar gleich in den Entwurf integriert – und sich auf einem der kleinen Holzhocker einen schattigen Platz suchen. Je länger man hier sitzt, umso mehr Details fallen auf: die unerwarteten Durchblicke durch Aussparungen in den blauen Wänden, die entspannte Atmosphäre, in der sich schnell ein Gespräch mit dem Nachbarn auf dem nächsten Hocker entwickelt, die schönen Lichtspiele, die durch Sonne, Wolken und die Abstände zwischen den Holzlatten im Dach entstehen. Man bleibt hier gerne länger, beobachtet die Neuankömmlinge, die innerhalb kurzer Zeit entschleunigen und sich ebenfalls ein Plätzchen suchen, um eine Weile zu sitzen und zu schauen. Der Aufbruch fällt mir schwer, doch das nächste Theaterstück beginnt bald. Auf dem Weg zurück ins hektische Gewirr der Stadt merke ich, dass ich immer wieder abschweife und in Gedanken wieder unter dem Holzdach sitze. Also gibt’s ein neues Versprechen: Ab jetzt fliege ich im Sommer nach London.

Auf dem Rasen rund um das Gebäude setzen sich die Leute kurz hin und verweilen.
Nicht nur im Pavillon, sondern auch auf den Rasenflächen rund herum verweilen die Besucher und lassen die Hektik für einen Augenblick hinter sich.

 

 

 

Bildquellen

  • Serpentine Pavillon bei Nacht: Iwan Baan
  • Ansicht vom Serpentine Pavillion: Eva Kahl
  • Detail vom Serpentine Pavillion: Eva Kahl
  • Menschen kommen ins Gespräch: Eva Kahl
  • Serpentine Pavillion im Kensington Garden: Eva Kahl

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