Mit dem Landbus der Linie 25 begibt man sich auf eine architektonische Überland-Fahrt.
Fundstücke

Nächster Halt – Architektur

Mit der Buslinie 25 fährt man von Bregenz am Bodensee nach Egg in den Bregenzerwald. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches. Wäre da nicht die Gemeinde Krumbach mit sieben ungewöhnlichen Buswartehäuschen.

In der Architekturwelt ist Krumbach nicht ganz unbekannt. Denn die Gemeinde legt seit einiger Zeit Wert auf gute Architektur. So hat man erkannt, dass angemessene, regional verankerte Architektur für die Bewohner identitätsstiftend sein kann und darüber hinaus einen kulturellen Mehrwert bietet. Die Baukultur und die Tradition des Bregenzerwald sind gleichzeitig verpflichtend wie inspirierend. So löste man die Aufgabe, einige alte, marode Wartehäuschen auszutauschen, mutig und unkonventionell. Die Gemeinde wollte einerseits den Anreiz schaffen, dass Gäste nach Krumbach kommen, und andererseits einen Impuls setzen, dass sich die Bewohner mit zeitgenössischer Architektur beschäftigen. Mit Dietmar Steiner, Gründungsdirektor des ArchitekturZentrums Wien, fand man gleichermaßen einen begeisterten Komplizen dieser Idee wie einen extrem gut vernetzten Architekturkenners. Steiner schrieb eine Wunschliste international bekannter Architekten zusammen, die jeweils ein Buswarthäuschen entwerfen sollten. Als Honorar gab es die Inspirationsreise durch Vorarlberg und den Bregenzerwald sowie eine Woche Urlaub – und alle angefragten Architekten sagten sofort zu.

Der Bregenzerwald überrascht mit sieben experimentellen BUS:STOPS

Sou Fujimoto (Japan), dvvt De Vylder Vinck Taillieu (Belgien), Ensamble Studio (Spanien), Smiljan Radic (Chile), Alexander Brodsky (Russland), Rintala Eggertsson Architects (Norwegen) und Wang Shu vom Amateur Architecture Studio (China) reisten gemeinsam im Frühjahr 2013 auf einem Study Trip durch die Region. Man schaute sich logischerweise die Standorte an, aber vor allem besuchte man lokale Handwerksbetriebe und Architekten und ging in den typischen Restaurants der Region essen. Diese Atmosphäre, die Eindrücke und Inspirationen bildeten die Grundlage für sieben ganz unterschiedliche Entwurfsgedanken. Jeder der Entwurfsarchitekten bekam Unterstützung von einem lokalen Architekten. Gemeinsam realisierten die Architekten-Duos in enger Kooperation mit lokalen Handwerkern die einzelnen Buswartehäuschen.

Smilijan Radic aus Chile verbindet Mies van der Rohe mit der typischen Kassettendecke der Wälderstube – ein tolles Cross-Over!
Smilijan Radic aus Chile verbindet Mies van der Rohe mit der typischen Kassettendecke der Wälderstube – ein tolles Cross-Over!

 

Gestapelte Eichenbretter als Bushaltestelle
Ensamble Studio aus Spanien waren fasziniert von den Brettern und Bohlen die zur Trocknung gestapelt sind und formten daraus eine Bushaltestelle – der Eichengeruch ist allgegenwärtig.

 

Unterkrumbach Süd bus stop, architects de Vylder Vinck Taillieu, Belgium
de Vylder Vinck Taillieu Architects aus Belgien bündeln die Eindrücke einer alpinen Autofahrt mit den scharfkantigen Strichzeichnungen des Künstlers Sol Lewitt – eine präzise Faltung.

 

Seit nunmehr zwei Jahren kommen aus aller Welt die Besucher nach Krumbach. Der Mut der Krumbacher wurde also belohnt, und die gut tausend Bewohner sind mittlerweile auch ziemlich stolz auf ihre ungewöhnlichen Buswartehüsle. Die wenigsten Besucher allerdings fahren mit dem Bus von Station zu Station. Sie kommen mit dem Auto, sind oftmals schwarz gekleidet (denn Architektinnen und Architekten tragen für gewöhnlich gerne schwarze Kleidung), springen aus dem Auto heraus, schauen sich prüfend die BUS:STOPS an, machen ein paar Bilder, diskutieren miteinander und fahren zur nächsten Bushaltestelle. Wenn sich die Gäste und Architekten vorher oder nachher genauer mit der Baukultur, der Handwerkstradition und der Genussregion beschäftigen, so finden sie in jeder Bushaltestelle die Gedanken und die Inspiration der Architekten wieder. Manchmal ist es augenzwinkernd und ironisch, mal recht direkt und scharfsinnig, ein anderes mal liebevoll und poetisch und dann wiederum mit einem echten Mehrwert.

 

Oberkrumbach bus stop, architect Alexander Brodsky, Russia
Alexander Brodsky aus Russland baut einen Turm. Im ‚Erdgeschoss‘ befinden sich Tisch und Bank, falls der Bus mal später kommt. Im ‚Obergeschoss‘ finden Vögel ein Plätzchen und es saust der Wind hindurch – verspielt radikal!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kressbad bus stop, RintalaEggertsson Architects, Norway
RintalaEggertsson Architects aus Norwegen verbinden das nützliche mit dem nützlichen. Während man auf den Bus wartet kann man sich nebenbei ein Tennismatch ansehen – Advantage Krumbach!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bränden bus stop, architect Sou Fujimoto, Japan
Bei Sou Fujimoto aus Japan wird das Warten eher speziell gelöst. Eine kleine Stiege führt durch den Stangenwald und so eröffnet sich für die Wartenden eine neue Perspektive, ein Blickwechsel, eine neue Dimension – das philosophische Warten!

 

Wenn Sie einen Ausflug nach Vorarlberg oder in den Bregenzerwald machen möchten, lohnt sich der Besuch in Krumbach auf jeden Fall, und auch wenn es etwas hügelig dort ist, versuchen sie mal statt mit dem Auto die Region mit dem Rad zu erfahren. Wenn Sie diesen Blog schon ausführlicher gelesen haben, wissen Sie warum ich mir gerne mit dem Rennrad die Landschaft und die Architektur ansehe. 
Gerne können Sie mir auch eine Mail senden, wenn Sie noch weitere Tipps für die Region haben möchten. Viel Spaß auf Ihrer Architekt(o)ur durch den Bregenzerwald!

Fotograf: Yuri Palmin @ Flickr

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